Presseschau: Darker than brown

Teile der Black-Metal-Szene sind von Rechten unterwandert. Eine zentrale Figur der deutschen NS-Black-Metal-Szene ist der Berliner Hendrik Möbus.

Die Besetzung des Podiums bei dem von der Initiative »Auf die Pelle rücken« organisierten Vortrag »Neonazis und neurechte Strömungen im Extreme Metal« in der Kulturfabrik in Berlin-Moabit war so gemischt wie das Publikum. Während einige eher dort waren, um mehr über neonazistische Umtriebe zu erfahren, gehörte ein Teil des Publikums offensichtlich der Metal-Szene an, so wie die Frau, die angab selbst Metalkonzerte zu veranstalten und sagte, sie wüsste bei den unverständlich gesungenen Texten in ihr fremden Sprachen nicht immer, wo die Bands politisch stehen. Die Diskussion zwischen dem Referenten Attila Steinberger und dem Publikum kreiste, wie oft bei derlei Subkulturdiskussionen, um die Frage, was noch Kunst sei und wo Rassismus und neonazistische Propaganda anfangen.

Steinberger sprach in diesem Zusammenhang davon, dass »die Germanen« nichts dafür könnten, dass sie von den Nazis instrumentalisiert worden seien, um Imperialismus und Chauvinismus zu rechtfertigen. Ohnehin seien viele historische Bezüge der Rechten weit hergeholt.

Steinberger schätzt, dass von den weltweit insgesamt rund 20 000 Bands in den verschiedenen Genres des Extreme Metal wie Death oder Black Metal etwa 400 als neonazistisch einzuordnen sind. Seiner Zählung nach liegt Deutschland dabei mit 60 von insgesamt 2 000 Bands vor den USA mit 50 von 3 000 und Skandinavien mit 40 von 2 500 Bands ganz vorne.

Seinen Ursprung hat der NS-Black-Metal (NSBM) im Norwegen der frühen neunziger Jahre. Standen dort im Black-Metal-Untergrund zu Beginn noch Satanismus, Grabschändungen, Selbstverstümmlungen und Brandstiftungen hoch im Kurs, kamen bei einem Teil der Szene bald auch Rassismus, Antisemitismus und die Glorifizierung totalitärerer Ideologien wie Stalinismus und Faschismus hinzu.

Die Szene bestand überwiegend aus jungen Männern. Viele der ersten Generation dieser norwegischen Black-Metaler waren kaum 20 Jahre alt, als sich die eingeschworene Gemeinschaft in und um den Osloer Plattenladen Helvete (»Hölle«) sammelte. Aufsehen erregte das Milieu vor allem mit Kirchenbrandstiftungen, aber auch mit Mord. 1992 ermorderte Bård G. Eithun von der Band Emperor einen Homosexuellen in Lillehammer. Weit bekannter jedoch ist der Fall Varg Vikernes.

Vikernes, der auch unter dem Pseudonym Count Grishnackh und dem Namen seiner Ein-Mann-Band Burzum bekannt ist, erstach am 10. August 1993 seinen Musikerkollegen Øystein Arseth, genannt Euronymous, mit dem er zusammen in der Band Mayhem gespielt hatte und den er später als »Kommunisten« bezeichnete. Neben dem Mord wurde Vikernes auch für mehrere Brandstiftungen zu insgesamt 21 Jahren Haft verurteilt, kam jedoch 2009 auf Bewährung frei.

Im Gefängnis wandte er sich offen neonazistischen Ideologien zu. Zeigte die erste Platte von Vikernes’ Band Burzum auf dem Cover noch provokativ eine der abgebrannten Kirchen und wurde mit einem Feuerzeug als passender Beilage verkauft, waren auf späteren Platten Wikingermotive, Runen und Hakenkreuze zu sehen, und statt auf Satan berief man sich auf Odin als »arteignen« nordischen Gott.

Dass NSBM jedoch auch in seiner Anfangszeit keineswegs ein rein norwegisches Phänomen war, zeigt sich unter anderem am Beispiel der seit den frühen neunziger Jahren aktiven Band Legion of Doom aus Griechenland, deren Mitgleider sich immer wieder als Unterstützer der neonazistischen Partei Chrysi Avgi inszenieren. In Schweden wurde 1998 Jon Nödtveidt von der Band Dissection wegen Beihilfe zum Mord an einem homosexuellen Migranten zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. In Polen ermittelte die Polizei Mitte der neunziger Jahre wegen rechtsextremer Inhalte gegen die Band Infernum.

Wichtig für die Entstehung des deutschen NSBM-Untergrunds war die thüringische Band Absurd, ohne die die hiesige Szene nicht denkbar wäre. Die Band wurde in den frühen neunziger Jahren in der Kleinstadt Sondershausen gegründet, zu einer Zeit, als Black Metal in der deutschen Metal-Szene kaum eine Rolle spielte. Die thüringische Teenagerband besaß ihre Credibility jedoch nicht wegen ihrer Musik – die Band spielte in ihrer Frühphase eher eine rumpelige Mischung aus schlechtem Punk und schlechtem Metal –, sondern weil ihre Mitglieder zeigten, dass sie es wirklich ernst meinten und ihren Worten Taten folgen ließen.

Drei der Bandmitglieder wurden im Februar 1994 wegen gemeinschaftlichen Mordes an ihrem Mitschüler Sandro B., den sie im April des Vorjahres getötet hatten, zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Tat geriet als »Satansmord von Sondershausen« in die Schlagzeilen und machte die Band bundesweit bekannt. Aus dem Gefängnis heraus veröffentlichten Absurd eine Musikkassette auf dem polnischen Label Capricornus Productions. Das Cover zeigt das Grab des ermordeten Sandro B. zusammen mit dem Vermerk, dieser sei von der »Horde Absurd« ermordet worden. Die Katalognummer der Kassette lautet »NS 2«.

Einer der drei Verurteilten war Hendrik Möbus. Spätestens während seiner Haftzeit politisierte er sich und fiel immer häufiger durch extrem rechte Aussagen auf. Nach seiner Haftentlassung 1998 trat Möbus unter anderem als einer der Gründer der Deutschen Heidnischen Front, des deutschen Ablegers von Vickernes’ Allgermanischer Heidnischer Front, in Erscheinung. Vor allem aber begann er eine Karriere als Musiker, Produzent und Konzertveranstalter, wobei ihm sein Bruder Ronald zur Seite stand.

Bereits während Hendrik Möbus in Haft saß, hatte sein Bruder das Plattenlabel Darker than Black gegründet. Auf dem von beiden organisierten Festival »Germanischer Black-Metal-Sturm über Deutschland« am 26. September 1998 traten auch Absurd auf. Auf der Bühne zeigte Hendrik Möbus, der ein T-Shirt von Burzum mit dem Schriftzug »Support your local Einsatzgruppe« trug, den »Hitlergruß«, was ihm, der nur auf Bewährung aus der Haft entlassen worden war, seine nächste Haftstrafe einbrachte. Möbus legte jedoch Berufung ein und setzte sich in die USA ab, wo er bei dem Neonazi William Pierce, dem Gründer der National Alliance, Unterschlupf fand. Dort beteiligte er sich am Aufbau des Rechtsrock-Labels Resistance Records, das Pierce ebenso erworben hatte wie Varg Vickernes’ Label Cymophane Productions.

Als die US-Behörden Möbus schließlich verhafteten, versuchte er Asyl zu beantragen, wurde aber nach Deutschland abgeschoben, wo er bis 2007 im Gefängnis saß. Nach seiner abermaligen Haftentlassung zog er nach Berlin. Er soll zu den Händlern des Labels Darker Than Black und des angeschlossenen Versandhandels Merchant of Death gehören. Bei einer Durchsuchung des Versandhandels durch die Polizei im Oktober 2009 wurden 12 000 Tonträger beschlagnahmt. Im Januar 2011 erließ das Amtsgericht Tiergarten in diesem Zusammenhang einen Strafbefehl, eine Bewährungsstrafe von zehn Monaten wurde festgesetzt. Doch Strafandrohungen scheinen Möbus wenig zu stören. Merchant of Death vertreibt noch heute Tonträger von Bands, die eindeutig extrem rechts bis neonazistisch sind, wie etwa Nordvrede oder Kaevum aus Norwegen und die polnische Black Meta-Band LSSAH, deren Name für »Leibstandarte-SS Adolf Hitler« steht.

Am 27. Januar gab Hendrik Möbus dem extrem rechten Internet-Fernsehprogramm FSN-TV ein Live-Interview, bei dem auch Zuschauerfragen beantwortet wurden. So weiß das geneigte Publikum seitdem, dass er gerne im vom Berliner NPD-Vorsitzenden Sebastian Schmidtke betriebenen »Hexogen« in Berlin-Schöneweide sein Bier trinkt, die Rechtsrockband Stahlgewitter mag und am liebsten mit einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten abgeschottet auf dem Land leben würde. Eingeleitet wurde das Gespräch mit einem Kalauer. Er werde »zwischen null und einer Million Fragen« gestellt bekommen, sagt Moderator Patrick Schröder alias »H8«. Ihm wären »sechs Millionen« lieber, entgegnete Möbus.

von Fabian Kunow, Jungle World