Presseschau: »Deutsches Schutzgebiet«

Mit einem Kneipen-Netzwerk haben sich Neonazis aus NPD und »Kameradschaften« in Berlin vernetzt. Doch der braune Ungeist ist nicht mehr überall wohlgelitten.

Die enge Zusammenarbeit der NPD mit den als »freie Kräfte« bezeichneten Zusammenschlüssen von Neonazis hat den vor einigen Jahren noch strauchelnden Berliner Landesverband der neofaschistischen Partei gestärkt. Auch wenn das militante, meist jüngere Neonazispektrum wenig Sitzfleisch und Liebe für parteiinterne Strukturaufgaben an den Tag legt, so ist derzeit kaum eine Aktion der »Nationaldemokraten« im Raum Berlin ohne sie denkbar.

Von einer derartigen Frischzellenkur können die wenigen noch aktiven Bezirksverbände der Partei nur träumen. Die NPD-Reinickendorf/Mitte machte hingegen aus der Not des Nachwuchsmangels und der Überalterung ihrer Mitgliedschaft eine Tugend. Die dünne Personaldecke sowie das gehobene Alter und das zumeist bürgerliche Auftreten ermöglichte es den Rechten seit mindestens sechs Jahren, ein Netzwerk aus Kneipen aufzubauen, das ihnen die Durchführung von Veranstaltungen ermöglicht. Maßgeblicher Organisator der Zusammenkünfte ist Tibor Haraszti, stellvertretender Kreisvorsitzender und NPD-Landesvorstandsmitglied.

Am 5. Juni 2013 sollte in der »Bier-Stub’n« in der Residenzstraße ein NPD-Stammtisch stattfinden. Daraus wurde jedoch nichts. Eine Gegenkundgebung mit rund 50 Teilnehmern sorgte dafür, daß die Veranstaltung ausfiel. Seit Sommer 2012 büßte der Verband einige seiner Treffpunkte ein. Ein Angriff auf Haraszti führte intern zu Anschuldigungen und Austritten. Der Schatzmeister trat aus Angst um seinen Job zurück, der Jugendbeauftragte Steffen Peplow wiederum wurde wegen Spitzelverdachts rausgeworfen. Dies berichtete das Recherchemagazin Fight Back. Erste Interventionen sorgten bereits im Februar 2012 für eine Kündigung seitens des Restaurants »Villa Dalmacija«, in dem der NPD-Landesparteitag stattfinden sollte. Auch das Sommerfest eines NPD-Kreisverbandes im Juli 2012 konnte nicht wie geplant im »Gelben Schloß« stattfinden. Als Ausweichort diente das »Cafe Lust«, wo man mit NPD-Wimpel auf dem Tisch in aller Ruhe feiern konnte. Sowohl das »Cafe Lust«, als auch die Kneipe »Zum Kegel« beendeten nach öffentlichem Druck die langjährige Kooperation. Bis zu seiner Schließung im Sommer 2012 nutzten die Neonazis das Lokal »Am Brückenbogen« für Schulungsabende und Stammtische. Auch die »Postkutsche« im Wedding diente als Versammlungsort. So referierte hier unter anderem Reinhold Oberlercher vom »Deutschen Kolleg« zur »Lage des deutschen Volkes«. Aus einer Veranstaltung mit dem »Hoffmann von Fallersleben-Bildungswerk« im Oktober wurde nichts, da die Vorgänge öffentlich gemacht worden waren. Unbekannte verpaßten der Fensterfront des Lokals einen Teeranstrich samt Glasbruch, was letztlich zu dessen Schließung führen sollte. Mittlerweile haben die Nordberliner Neonazis vorgebeugt: Laut Antifa-Recherchen zahlt die NPD den Betreibern der »Bier-Stub’n« seit Beginn des Jahres eine Glasschutzversicherung. Sie tun gut daran, denn schließlich ist die Kneipe einer der letzten verbleibenden Treffpunkte.

»Solange die NPD eine legale Partei ist und solange wir uns das leisten können wird da nicht klein beigegeben. Nur weil links grad schick ist« sagt der Inhaber der »Bier-Stub’n«. Auf die Nachfrage, was es mit der schwarz-weiß-roten Fahne und dem Schild mit der Aufschrift »Deutsches Schutzgebiet« in seiner Kneipe auf sich habe, entgegnet er, das Metallschild sei ein »Spaß«-Geschenk seines Vaters. Die Fahne stünde für ihn für 1870/1871. Die Rechten fühlen sich hier sicher. Nicht zuletzt deswegen, weil der konservative Mief in der Region schon immer den Nährboden für die Akzeptanz von Nazis bereitet hat – so auch bei den Kneipiers, die der NPD Unterschlupf gewähren. Entweder gibt man sich unwissend oder verschanzt sich hinter finanziellen Interessen und »demokratischem Pluralismus«. So konnte hier über Jahre in den Nordberliner Kneipenhinterzimmern ein kuscheliges »Deutsches Schutzgebiet« für Neonazis entstehen.

Von Martin Peters, junge Welt